Zielsetzung

DFG Forschergruppe 2448

Evidenzpraktiken in Wissenschaft, Technik, Medizin und Gesellschaft


Das Ziel der Forschergruppe ist es, Evidenzpraktiken in der Wissensgesellschaft zu untersuchen. Unser Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass Evidenz als sozial konsentiertes, gesichertes Wissen in Aushandlungsprozessen entsteht. Die Gruppe wird in der Verknüpfung von geschichtswissenschaftlichen mit soziologischen, philosophischen, wirtschafts-, umwelt- und kommunikationswissenschaftlichen Perspektiven untersuchen, wie Tatsachenkenntnisse (Daten, Befunde, Feststellungen etc.) das Qualitätsmerkmal der Evidenz erlangen und wie die angebotene Evidenz in relevanten Kontexten Entscheidungen beeinflusst. Quer zu den disziplinären Wahrnehmungsgewohnheiten werden sowohl die in der Wissensgesellschaft steigende Signifikanz, als auch die Funktionalisierung von Evidenz in synchroner und diachroner Perspektive analysiert.

Das 20. Jahrhundert markiert in dieser Entwicklung eine bedeutende Zäsur, an der die Arbeit der Forschergruppe ansetzt. Die Erwartung an wissensbasiertes Handeln in immer mehr Gesellschaftsbereichen nimmt zu, die Bedeutung von Forschung mit unmittelbarem Anwendungsbezug wächst und die Legitimationszwänge der Wissenschaft in Anbetracht zunehmender Diskurse um Risiko, Unsicherheit und Nichtwissen werden dringender. All das sind Faktoren, die die Bedeutung von Evidenz potenzieren und die miteinander verknüpften Verfahren ihrer Gewinnung und Anwendung verändern.

Die spezifischen Handlungs- und Aushandlungsbereiche der Evidenz erfassen wir mit dem Konzept des ‚sozioepistemischen Arrangements‘, das unterschiedliche Entitäten (Akteure, Diskurse, Materialitäten, Institutionen usw.) umfasst.Die gemeinsame Perspektive liegt in der Verflechtung von Herstellungs- und Anwendungszusammenhängen, die wir als Chiasmus von practicing evidence und evidencing practice ins Zentrum unserer Untersuchung stellen und in Hinblick auf drei grundlegende Entwicklungsprozesse in der Wissensgesellschaft erforschen. Das sind Technisierung, Prädiktion und Ko-Produktion als Voraussetzungen und Treiber von Evidenzpraktiken. Gerade an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zeigt sich die Mehrdeutigkeit des Begriffs der ‚Evidenz‘, deren changierende Semantik und Flexibilität in unserer Forschung nutzbar gemacht wird.

Die acht Projekte bearbeiten konkrete Fälle von Evidenzpraktiken, die eine Gemeinsamkeit teilen: Stets geht es um Phänomene, in denen Evidenz ein Desiderat darstellt oder fraglich geworden ist. Gemeinsame Fragestellungen, Grundideen und Zugangsmodi setzen Synergien bei der Erforschung des gewählten Ensembles von Fallbeispielen frei. Die Forschergruppe richtet ihre Zusammenarbeit auf aktuelle Problemlagen der spätmodernen Wissensgesellschaft, denen sie sich interdisziplinär nähert, um sie schließlich transdisziplinär beantworten zu können.