TP6: Die Evidenzkultur der Citizen Science

Normierung, Evaluierung und Kontrolle partizipativer Forschung


Prof. Dr. Sascha Dickel (Wissenschaftssoziologie, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz)
Dr. Andreas Wenninger (Wissenschaftssoziologie, Bayerisches Forschungsinstitut für Digitale Transformation)
Kevin Altmann (Bayerisches Forschungsinstitut für Digitale Transformation), Projektmitarbeiter
Michael Kitzing (Johannes Gutenberg-Universität Mainz), Projektmitarbeiter

Thema des Projekts ist die soziale Öffnung der Wissenschaft, die aktuell unter dem Stichwort „Citizen Science“ verhandelt wird. Citizen Science-Projekte basieren auf der breiten Beteiligung der Öffentlichkeit an verschiedenen Abschnitten des Forschungsprozesses. In Phase 1 des Projekts erforschten wir, welche Evidenzpraktiken in konkreten Projekten der Citizen Science verwendet werden um glaubwürdiges Wissen unter der Bedingung von Laienbeteiligung herzustellen und darzustellen. Dabei zeigte sich, dass Evidenz im Zuge der Institutionalisierung von Citizen Science mehr und mehr auch projektübergreifend ausgehandelt wird.

In Phase 2 verschieben wir daher den Fokus: Ziel des neuen Vorhabens ist die Rekonstruktion von Evidenzpraktiken auf eben dieser projektübergreifenden Ebene. Wie wird die potenziell destabilisierende Citizen Science institutionell normiert und normalisiert? Wie und vom wem werden Citizen-Science-Aktivitäten evaluiert und mit welchen Mitteln werden Normen ggf.  kontrolliert und durchgesetzt? Wir verfolgen in dem Projekt einen breiten qualitativen Forschungsansatz: Wir analysieren wissenschaftliche Publikationen, Positionspapiere und Protokolle. Wir  untersuchen technische Operationalisierungen, digitale Werkzeuge und Infrastrukturen. Wir begleiten Arbeitsgruppen, Netzwerktreffen, Workshops und Konferenzen und führen Interviews und Fokusgruppen durch. Anhand der so gewonnenen Daten soll rekonstruiert werden, wie Normen, Evaluationspraktiken und Kontrollmechanismen etabliert und begründet (oder abgelehnt)  werden.

Das Projekt soll in Erfahrung bringen, inwiefern sich in der Citizen Science aktuell eine transdisziplinäre Evidenzkultur herausbildet, die auf die massenhafte Inklusion von Amateuren und Amateurinnen in die Forschung reagiert – und welche Normen, Praktiken, Technologien und Konfliktlinien diese Kultur konstituieren. Ein erster Projektstrang konzentriert sich dabei auf eine ethnografische Rekonstruktion der Innenwelt dieser Evidenzkultur, auf ihre Netzwerke, Organisationen und Diskurse. Ein zweiter Strang fokussiert sich auf Praktiken der öffentlichen Darstellung und der Resonanz der Citizen Science in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik.

Das Forschungsvorhaben trägt zum Verständnis des zeitgenössischen Evidenzregimes demokratischer Wissensgesellschaften bei, indem es erschließt, wie Evidenzpraktiken auf einer Meta-Ebene wissenspolitischer Praxis (re-)stabilisiert werden. Unsere Arbeitshypothese: Je mehr Citizen Science in der Breite verankert wird und sich damit das Regime einer sozialen Beschränkung wissenschaftlicher Forschung destabilisiert, umso eher werden in der Sachdimension Normen, die in der Berufswissenschaft gelten, auch auf die partizipativ angelegten Projekte übertragen, um  etablierte disziplinäre Geltungskriterien auch unter Bedingungen breiter Laienbeteiligung zu restabilisieren.