Teilprojekt 5

Evidenzpraktiken an der Schnittlinie von Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und Öffentlichkeit

Die Debatte um das Anthropozän


Prof. Dr. Helmuth Trischler

Fabienne Will


Als der Atmosphärenchemiker Paul Crutzen und der Limnologe Eugene F. Stoermer im Jahr 2000 in einem Newsletter der internationalen Geosphären- und Biosphärenforschung erstmals den Begriff des Anthropozäns zur Sprache brachten, traten sie eine wissenschaftliche Debatte los, die rasch an Dynamik gewann und mittlerweile wie vielleicht kein anderes Thema in großer disziplinärer Breite diskutiert wird. Innerhalb der Geowissenschaften wurde ein Expertengremium, die Anthropocene Working Group, mit der Evidenzprüfung für die These einer neuen erdgeschichtlichen, nach dem Menschen benannten Epoche eingerichtet. Doch längst hat die Debatte den Raum der Naturwissenschaften gesprengt und wird auch von einer Vielzahl geisteswissenschaftlicher Communities verhandelt. Parallel dazu hat sich eine öffentliche Debatte um das Anthropozän etabliert, die in den Print- und digitalen Medien ebenso geführt wird wie etwa in Wissenschafts- und Kunstausstellungen.

Das Projekt untersucht die Praktiken der Evidenzproduktion und Evidenzsicherung auf den drei miteinander verschränkten Ebenen der Anthropozändebatte: in den Geo-, Bio- und Erdsystemwissenschaften um das Anthropozän als geologisches Konzept, in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften um das Anthropzän als kulturelles Konzept und in (medialen) Öffentlichkeiten um das Anthropozän als gesellschaftliches Phänomen. Die enge Verknüpfung der aufeinander bezogenen Ebenen konfrontiert die jeweiligen Akteure und Akteurinnen dabei mit neuen Herausforderungen und zwingt sie, aus ihren Arenen herauszutreten und mit den jeweils anderen Akteursgruppen einen Aushandlungsprozess über die Evidenzsicherung zu führen. Die jeweiligen Evidenzpraktiken geraten unter Legitimierungsdruck und werden inter- und transdisziplinär neu verhandelt.

Je deutlicher das Verwischen etablierter Grenzziehungen nicht nur zwischen Natur und Kultur, Mensch und Erde sowie Umwelt und Gesellschaft, sondern auch zwischen tradierten disziplinären Kulturen der Wissensproduktion als einer der Kernannahmen des Anthropozänkonzepts in das Bewusstsein der Akteurinnen und Akteure gerät, desto mehr nimmt der Druck zu, überkommene Grundannahmen der Evidenzproduktion zu überprüfen. Die Anthropozändebatte wird so zu einer trading zone, in der nicht nur zentrale Fragen zur Gegenwart und Zukunft der Menschheit auf der Erde, sondern darauf bezogen auch grundlegende Verständnisse von Evidenzproduktion und -sicherung verhandelt werden. Ziel des Projekts ist es, zu klären, welche Formen und Verfahren der Evidenzkonstruktion und -nutzung an den Schnittlinien von wissenschaftlichen und öffentlichen Räumen verhandelt werden und wie diese wechselseitig aufeinander bezogen sind.