TP8: Augenscheinlich exzellent?

Evidenzpraktiken in der Aufbereitung  wissenschaftlicher Forschung und  Biographien für die Beantragung von ERC  Starting und Consolidator Grants


Prof. Dr. Ruth Müller (Wissenschafts- und Technikforschung, TUM)

Thema des Teilprojekts 8 sind Evidenzpraktiken in der Bewertung von wissenschaftlicher Qualität in der Forschungsförderung. Im gegenwärtigen Wissenschaftssystem ist hohe wissenschaftliche Qualität, oft mit dem Begriff der Exzellenz gefasst, sowohl zum vielbesprochenen Ziel wissenschaftlicher und wissenschaftspolitischer Aktivitäten geworden, als auch zur strittigen Frage: Wie kann wissenschaftliche Exzellenz evident gemacht werden? Und wer kann sie mit welchen Mitteln bestimmen, messen und vergleichen?

Als assoziiertes Projekt AP2 der Forschergruppe in Phase 1 habe wir untersucht, wie Gutachter/innen des renommierten Europäischen Forschungsrats (European Research Council, ERC) die  Prozesse der wissenschaftlichen Begutachtung im ERC wahrnehmen und navigieren, und welche Normen und Werte ihre Evidenzpraktiken in der Feststellung der Qualität wissenschaftlicher  Projekte und Biographien anleiten. Dabei zeigte sich ein Spannungsverhältnis zwischen einem prinzipiell heterogenen und kontextabhängigen Verständnis von Exzellenz unter den Gutachter/innen in der abstrakten Diskussion, und einem dominanten Fokus auf standardisierte Performanceindikatoren in der Darstellung der tatsächlichen Bewertungspraktiken.

Im vorliegenden Teilprojekt für die zweite Phase verschiebt sich der Fokus auf die Evidenzpraktiken von Antragsteller/innen beim ERC. Das Teilprojekt verortet seine Analyse in einer  weitreichenderen Dynamik der De- und Restabilisierung von Vorstellungen wissenschaftlicher Qualität, die Ergebnis grundlegender Transformationsprozesse in der Wissenschaft sind und für die  die Schaffung des ERC selbst ein Ausdruck ist. Genauso wie Gutachter/innen stehen Antragsteller/innen vor der Frage, wie sie die hohe wissenschaftlichen Qualität von Forschungsideen und  wissenschaftlichen Biographien evident machen können. Das TP8 erforscht, welchen Evidenzpraktiken Wissenschaftler/innen anwenden, wenn sie Evidenz für die Exzellenz ihrer Anträge  generieren wollen und welche epistemischen, normativen und institutionellen Auswirkungen diese Praktiken haben könnten. Dieses Forschungsziel wird das Projekt mit qualitativen  sozialwissenschaftlichen Methoden verfolgen. Wir werden Interviews mit Antragsteller/innen sowie mit universitären Mitarbeiter/innen, die Wissenschaftler/innen bei der Antragstellung beraten  durchführen, Antragsdokumente analysieren und Coachingevents für Antragsteller/innen teilnehmend beobachten. Das TP8 wird damit beforschen, wie Wissenschaftler/innen Evidenz für die Qualität ihrer Arbeit schaffen und dadurch neue Kriterien und Standards für qualitativ hochwertige und glaubwürdige Wissenschaft erzeugen und einüben. Aufgrund der zentralen Rolle, die wissenschaftliches Wissen für Evidenzpraktiken in verschiedenen Gesellschaftsbereichen spielt, stellte eine solche reflexive Analyse von innerwissenschaftlichen Evidenzpraktiken, die
wissenschaftliche Ressourcen und Renommee entscheidend regulieren, eine wichtiges Element der Forschungsgruppe Evidenzpraktiken dar.