TP5: Die Risikoindustrie

Evidenz für Sicherheit als neues Forschungs- und Geschäftsfeld in der Bundesrepublik in den 1960er bis 1980er Jahren


Prof. Dr. Karin Zachmann (Technikgeschichte, TUM): Sprecherin der FG; Projektleiterin
Dr. Stefan Esselborn (Technikgeschichte, TUM): Wissenschaftlicher Mitarbeiter


Das Projekt untersucht Evidenzpraktiken der technischen Sicherheit und deren Veränderung in Deutschland in den 1950er bis 1980er Jahren. Nachdem der Fokus in der ersten Phase auf den beiden Technikbereichen Kernkraft und Automobiltechnik lag, steht in der zweiten Phase die Entstehung und Entwicklung der Risikoindustrie im Mittelpunkt. Unter diesem Begriff fassen wir das seit dem Ende der 1960er Jahre neu entstehende Forschungs- und Geschäftsfeld, welches das Risikokonzept als zentrales Paradigma nutzte, um Evidenz für (technische) Sicherheit zu erzeugen und zu verwerten – im ingenieurstechnischen, diskursiv-politischen, aber auch unternehmerischen Sinne. Ziel des Projekts ist es, den Aufstieg und die Etablierung dieses neuen Wissensfeldes in  der BRD historisch nachzuzeichnen und in den Kontext der Entstehung eines neuen Evidenzregimes technischer Sicherheit seit den 1970er Jahren einzuordnen.

Dazu untersucht das Projekt erstens die Entstehung und Institutionalisierung der Risikoforschung im Kontext brüchig werdender Evidenzpraktiken technischer Sicherheit. Vor dem Hintergrund zunehmender gesellschaftlicher Kritik nicht nur an der Kerntechnik verbreitete sich seit Ende der 1960er Jahre die probabilistische Risikoanalyse, die eine Restabilisierung des Nachweises von Sicherheit durch die Verwissenschaftlichung von Unsicherheit versprach – um den Preis der Aufgabe der Idee „absoluter“ Sicherheit. Um die offensichtlich werdende Divergenz zwischen Risikobestimmung und Risikobewertung zu überbrücken, kamen zum technischen sehr bald ein psychologisch-kognitiver sowie ein sozial- und kulturwissenschaftlicher Zweig. Zweitens widmet  sich das Projekt der Etablierung und Verbreitung der Risikoindustrie in einem breiteren sozio-politischen Kontext. Dabei sollen anhand passender Fallbeispiele insbesondere die über die Felder  Recht und Regulierung hergestellte Einbindung in staatlich-administrative Abläufe, die Kritik und Partizipation von Seiten zivilgesellschaftlicher Akteursgruppen, sowie die Rolle von  Risikoforschung in der Privatwirtschaft beleuchtet werden.

Die Risikoindustrie, so unsere These, fungierte sowohl als Symptom wie auch als auch Treiber der zunehmenden Reflexivierung von Evidenzpraktiken technischer Sicherheit an der Schwelle zur heutigen Wissensgesellschaft. In der Risikofrage wurde die Vorläufigkeit von Evidenz besonders deutlich: Der Versuch, Risikowissen zur (Re)Stabilisierung von Gewissheit einzusetzen,  produzierte notwendigerweise neue Ungewissheiten, die sich auch durch weitere Verwissenschaftlichung nur teilweise beseitigen ließen und in eine permanente Ko-Präsenz von De- und Re- Stabilisierung mündeten. Eine Untersuchung der Risikoforschung verspricht daher nicht nur die Schließung einer Forschungslücke in der Wissenschafts- und Technikgeschichte der BRD,  sondern – in Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Diagnosen der „Risikogesellschaft“ – auch neue Perspektiven auf die bundesrepublikanische Wissensgesellschaft „nach dem Boom“.