TP1: Die Kritik an der Evidenzbasierten Medizin

und die Diversifizierung medizinischer Evidenzpraktiken


Prof. Dr. Mariacarla Gadebusch Bondio (Geschichte und Ethik der Medizin, Universität Bonn): Projektleiterin

Dr. Tommaso Bruni (Geschichte und Ethik der Medizin, Universität Bonn): Bearbeiter


In der ersten Projektphase untersuchten wir, wie im Rahmen der Personalisierten Medizin digitale Formen der Patientenpartizipation die Erzeugung von Evidenz verändert haben. Darauf aufbauend liegt der Fokus in der zweiten Phase auf der Kritik an der Evidenzbasierten Medizin (EBM). Nach ihrem Durchbruch 1992 avancierte die EBM als die wissenschaftliche und didaktische Methode zum epistemischen Paradigma: klinische Forschungs- und Entscheidungsprozesse sind seitdem diesem Evidenzregime verpflichtet. Innerhalb der letzten drei Dekaden kam es jedoch wiederholt zu destabilisierenden Kritiken, die einen neuen Höhepunkt in den letzten Jahren erreichten. Die Personalisierte Medizin trug entscheidend zur „Evidenz-Krise“ bei. Das vorliegende Projekt widmet sich der historischen Rekonstruktion der EBM-Kritik in der englisch- sowie deutschsprachigen medizinischen Kultur und analysiert ihre ethischen Implikationen. Inzwischen gehört es zu den Qualitätsmerkmalen von klinischer Forschung und Praxis, den Standards der EBM zu entsprechen und gemäß den EBM-basierten Leitlinien zu handeln. Von dieser Adhärenz hängen professioneller Erfolg und der Zugang zu medizinischen peer-reviewed Journals ab. Die Folge: EBM ist hoch normativ geworden. Evidenz wird aber von Disziplinen, in denen die Erfüllung der EBM-Standards schwierig ist, als problematisch erlebt. Das Projekt untersucht, wie das Verhältnis zur Evidenz in der fachspezifischen medizinischen sowie medizinphilosophischen bzw. -ethischen Literatur diskutiert wurde und wird. Insbesondere soll geprüft werden, welche Evidenzpraktiken Disziplinen pflegen, in denen die hegemoniale Evidenzhierarchie der EBM nicht anwendbar ist. Konkreter: Wie können bspw. Trägerinnen der BRCA1- bzw. BRCA2-Mutation gute therapeutische Entscheidungen treffen, wenn die ihnen vorliegenden Studienergebnisse „evidenzarm“ sind? Wie stehen Chirurg_innen zum epistemischen Wert ihrer i.d.R. nicht randomisierbaren Studien? In bestimmten Bereichen wie im Falle seltener Erkrankungen kritisieren Patient_innen selbst die EBM-Standards und initiieren alternative Formen der Evidenzerzeugung, die als „real-world evidence“ etikettiert werden. Eine solche sich als komplementär verstehende Evidenz genießt in den Fachkreisen der institutionalisierten Medizin geringe Akzeptanz. Sie wird von Ärzt_Innen eher als destabilisierend empfunden. Könnte aber nicht gerade die „real-world evidence“ dazu beitragen, die in die Krise geratene EBM zu restabilisieren? Unsere Forschungshypothese ist, dass gestärkt durch eine graduelle und den einzelnen Disziplinen besser entsprechende Modulierung der Evidenzstandards die EBM einige ihrer Schwachstellen überwinden könnte. Zu den Zielen unseres Projektes gehört die kontextsensible Analyse der Dynamiken von Destabilisierung und Restabilisierung von medizinischer Evidenz. Diese verspricht, Modi der Erzeugung alternativer Evidenz ethisch und epistemisch auszuloten und somit ein dringendes Forschungsdesiderat aufzugreifen.