Zielsetzung

DFG Forschergruppe 2448

Evidenzpraktiken in Wissenschaft, Technik, Medizin und Gesellschaft


Die Forschungsgruppe untersucht als interdisziplinärer Verbund von geistes- und sozialwissenschaftlichen Projekten Evidenzpraktiken in der Wissensgesellschaft als Aushandlungsprozesse um die Gültigkeit von Wissen. Ausgehend von der Beobachtung, dass Evidenz zu einer zentralen und deshalb umkämpften Ressource für die Gewährleistung des gesellschaftlichen Zusammenhalts geworden ist, konzentrieren wir unsere Untersuchungen auf die Verknüpfung der Erzeugungs- und Verwendungsweisen von Evidenz.

In der ersten Förderphase haben wir einzelfallübergreifend eine Reihe konkreter Evidenzpraktiken ermittelt, die in Bezug aufeinander oder in Abgrenzung voneinander aufgeführt werden. Dabei trat auch immer wieder die Kontingenz von Evidenz hervor, wenn neue Wissensbestände oder Problemlagen etablierte Gewissheiten in epistemischer oder sozialer Hinsicht destabilisierten. So entstand jeweils auch ein neuer Restabilisierungsbedarf, um die Garantieinstanzen von Evidenz zu rehabilitieren oder neue herzustellen.

Hier knüpft das Forschungsprogramm für die zweite Phase an. Wir werden untersuchen, in welchen konkreten Formen sich De- und Restabilisierungsprozesse zeigen und welche Dynamiken daraus für die epistemische, die normative und die institutionelle Ordnung erwachsen. Dafür analysieren wir die de- und restabilisierenden Implikationen von Verwissenschaftlichungen, (Be)Wertungen und Institutionalisierungen. Während für eine Gruppe von Projekten die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft als Institution selbst im Fokus steht, untersucht die andere Gruppe verschiedene Vermittlungs- und Anwendungsfelder, in denen steigende Nachfrage nach gesellschaftlich anerkanntem Wissen neue Praktiken der Generierung, Vermittlung und Verwendung von Evidenz hervorbringt. Wir werden die hermeneutischen und empirischen Kompetenzen der beteiligten Fächer nutzen, um unsere mit den drei Analysedimensionen gewonnenen Befunde transdisziplinär auszuwerten.

Im Zusammenhang damit wird die Forschungsgruppe neue gemeinsame Perspektiven zur Konstitution und Veränderung spätmoderner Wissensgesellschaften erschließen. Dazu fragen wir erstens nach den Faktoren und Treibern von Evidenzkritik: Wer stellt Evidenz mit welchen Mitteln und welchen Geltungsansprüchen infrage? Zweitens untersuchen wir Evidenzkulturen – auch und gerade jenseits disziplinärer Grenzen. Drittens wollen wir verstehen, in welche übergreifenden Evidenzregime das Herstellen und Auflösen von Evidenz eingebettet ist.

Unsere Arbeitshypothese ist, dass demokratisch verfasste Wissensgesellschaften sich auf die Vorläufigkeit von Evidenz einstellen (müssen) und Evidenzpraktiken damit zunehmend reflexiv werden. Unsere Forschungsgruppe leistet damit einem Beitrag um jene sozio-epistemischen Veränderungen zu verstehen, die seit dem gesellschaftlichen Epochenbruch der 1970er Jahre sichtbar werden. Sie trägt zur Kontextualisierung und Historisierung zeitgenössischer Diagnosen eines vermeintlich „postfaktischen Zeitalters“ bei.