AP3: ‘Human-Centered Engineering’ in der tertiären Ausbildung

Einübung in den Umgang mit heterogenen Evidenzen


Prof. Dr. Sabine Maasen (Wissenschaftssoziologie, TUM): Projektleiterin

Anton Schröpfer  (Munich Center for Technology in Society, TUM)


Das neu hinzukommende Teilprojekt befasst sich mit der Umgestaltung der akademischen Ingenieurausbildung nach der Zielvision eines „Human-Centered Engineering“. Sie fordert nicht weniger als einen Paradigmenwechsel der Ingenieurstätigkeit. Denn die Expertise zukünftiger Ingenieure soll sich nicht mehr nur auf die Bearbeitung rein technischer Funktionszusammenhänge beschränken, sondern sie im Kontext komplexer gesellschaftlicher Problemlagen wie etwa Stadtplanung, Ernährungssicherheit oder Gesundheit einordnen, bearbeiten und mitgestalten können. Neben dem technischen Funktionieren wird die soziale Robustheit von Technik zu einem zentralen Evidenzkriterium: Es schließt auch gesellschaftliche Aspekte wie ökologische Risiken, Wertvorstellungen oder Marktdynamiken ein. Die Evidenz eines ausschließlich auf technische Funktionalität orientierten ingenieurwissenschaftlichen Wissens wird angesichts solcher „Grand Challenges“ destabilisiert. In Reaktion darauf verspricht die Integration geistes- und sozialwissenschaftlicher Wissensbestände in den epistemischen Kern der Ingenieurwissenschaften Restabilisierung: Ingenieuriale Konstruktionen sollen unter Verwendung heterogener Evidenzen entstehen, um als soziotechnische Problemlösung zu funktionieren.

Die Frage nach der Einübung in den Umgang mit heterogenen Evidenzen steht im Zentrum des Teilprojekts: Deshalb wenden wir uns der ingenieurwissenschaftlichen Hochschulausbildung zu. Zwar haben sozial- und geisteswissenschaftliche Bezüge in der Ingenieurausbildung eine lange Tradition (als Bildungsprogramm, als politisch motivierte Kritik), doch erst seit Mitte der 1990er  ahre gibt es Versuche, evidenzbasiertes Wissen der Geistes- und Sozialwissenschaften über ‚Gesellschaft‘ in die akademische Ausbildung der Ingenieure zu integrieren: Es geht um den Aufbau einer soziotechnisch integrativen Evidenzkultur. Die tertiäre Ausbildung betrachten wir als exemplarisches Feld, an dem sich Praktiken und Debatten der De- und Restabilisierung von Evidenz im Feld der Ingenieurwissenschaften beobachten lassen. Mit einem Methodenmix aus Dokumentenanalysen, qualitativen Interviews und teilnehmender Beobachtung erschließen wir Art und Integration soziotechnischer Evidenzen in der tertiären Ausbildung, und zwar auf der Makroebene politischer Programmatik, auf der Mesoebene verschiedener Technischer Universitäten und auf  der Mikroebene dortiger Studienangebote. Wir erwarten, dass die Destabilisierung ingenieurwissenschaftlicher Evidenz sowohl zu Beharrungsreaktionen als auch Restabilisierungen Anlass gibt. Ziel ist die Erarbeitung einer Typologie von Umsetzungspraktiken und -strategien für die Erzeugung soziotechnisch integrativer Evidenzkulturen (von additiv bis integrativ sowie von kompetenzorientiert zu forschungsbasiert). Theoretisch schafft dies Impulse für eine empirisch begründete Reflexion über integrative Evidenzkulturen. Praktisch kann dies als Informationsbasis für Reformprozesse in der Ingenieursausbildung dienen.